Spätwerk

Durch seine Abstrakte Malerei war Räderscheidt zu einem neuen figurativen Stil gelangt, der ohne die Erfahrung des Abstrakten Expressionismus, des Informel, des Action Painting nicht zu erreichen gewesen wäre. Seine neue figurative Malerei um 1966/67 konzentriert sich zunächst auf die konsequente Beschränkung von Schwarz und Weiß. An diesen Pinselzeichnungen arbeitete Räderscheidt unermüdlich, bis er am 24. September 1967 einen Schlaganfall erlitt.
Danach entstanden ganze Selbstporträt-Serien. Sie zeigen mit welcher Eindringlichkeit und in systematischer Übung er den, durch den Schlaganfall bedingten visuellen Neglect kompensiert und schließlich überwunden hat. 

Zwischen 1967 und 1969 werden seine Figurenbilder zunehmend farbiger und fülliger in der Ausarbeitung, doch der schwarze Pinselstrich bleibt. Figurengruppen erscheinen über- und ineinander mit starken Farbverläufen und meist dünnflüssiger Gouache. Es sind impulsive, völlig neue, dynamisch wirkende Szenen, meist erotische Darstellungen.

Am 8. März 1970 stirbt Anton Räderscheidt. „Nach 60-jährigem Kampf mit dem Material (Form und Farbe)“, so lautet Räderscheidts letzter Tagebucheintrag am Ende des Jahres 1969, „scheint das Material endlich gesiegt zu haben. Meine Bilder werden mir interessant, ich komme zu dem Genuss des Betrachters. Auch sehe ich jetzt in früheren Bildern einige, bei denen der Sieg des Materials über den Intellekt schon errungen war“